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"Man arrangiert sich eben ..." – oder besser doch nicht!

Von Eberhard Zastrau

"Man arrangiert sich eben ... Erschöpft von der Debatte, ..., gaben die klügsten Kritiker das Nachdenken auf. Der zähe Wille zur Gestaltung setzte sich gegen alle Einwände durch, die Tat triumphierte über den Geist." So prognostizierte Malte Lehming im November 1997 die weitere Entwicklung in der Debatte um das "Holocaust-Denkmal". Nun [am 16. April 1998] hat er sich unter die "klügsten Kritiker" eingereiht und so im Nachhinein seine damalige Formulierungskunst als weise erwiesen.

Auf die Gefahr hin, unter die unklugen Kritiker gezählt zu werden: Malte Lehmings heutiger Postition "Nun baut doch endlich" könnte man zustimmen, wäre der einzig verbliebene Gegenstand des Streits die Form für das Denkmal. Doch der konzeptionelle Geburtsfehler der Denkmal-Initiative lässt nach meiner Ansicht diese Laissez-faire-Position nicht zu:

Während die authentischen Stätten der Mahnung und des Gedenkens ihre Definition und ihre Legitimation aus sich selbst, also aus den dort verübten und uns zum Erinnern zwingenden Verbrechen, beziehen, liegt die Definition des (künstlichen) Denkmals in dem Gründungsakt. Während also die authentischen Stätten selbst bei noch so einseitiger Darstellung in den museal hergerichteten Teilen die Gesamtheit der Nazi-Verbrechen dokumentieren, beschränkt das Staats-Denkmal das Gedenken auf die ermordeten Juden. Die anderen Opfergruppen werden dem Vergessen anheimgegeben. Kein anderer Platz für das Nachdenken, ob Roma und Sinti oder Kranke und Behinderte ein Lebensrecht haben, ob Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Glaubens ermordet werden dürfen, ob politische Gegner oder Kriminelle zur Vernichtung durch Arbeit abgestellt werden dürfen.

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Der Hinweis auf die Neue Wache kann mich nicht überzeugen: Die Neue Wache ist eine Stätte zum Gedenken an die Täter, an die Wehrmachtssoldaten, an die Kriegs-"Opfer" unabhängig von ihrer tätigen Verstrickung in die Nazi-Verbrechen. Ein Platz für die Nazi-Opfer ist sie nicht. Daran ändert auch die nach langem Hin und Her dort angebrachte Tafel nichts. Man kann nicht der Wölfe und der gerissenen Schafe zugleich gedenken.


als (dort nicht veröffentlichter) Leserbrief an den Tagesspiegel geschickt am 18. April 1998

 
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