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Quotierte Küsse

Gedenken im Nebel der Ausgewogenheit: Warum der Kompromiss zum Berliner Homo-Mahnmal ein Skandal ist

Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vom 23. Juni 2007

Mitte der achtziger Jahre brauchte es einigen Mut, wenn man in Sachsenhausen oder Buchenwald an die Häftlinge mit dem Rosa Winkel erinnern wollte. Schwule waren im antifaschistischen Weltbild nicht vorgesehen. Einige Unerschrockene legten dennoch Kränze in den KZ-Gedenkstätten nieder, etwa am 12. Oktober 1986: "Homosexuelle Selbsthilfe – den Opfern des Faschismus – in ehrendem Gedenken", stand auf den Schleifen, die der pflichtbewusste Gedenkstättenleiter unverzüglich abschnitt. Die Stasi beobachtete.

Die schwulen NS-Opfer hatte man auch im Westen lange vergessen. Da scheint es wie ein später Triumph von Vernunft und Anständigkeit, dass die Bundesrepublik nun einen "Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen" errichtet, ein "Homo-Mahnmal". 600.000 Euro sind zugesagt, ein Standort längst gefunden: Am Rande des Tiergartens, in unmittelbarer Nachbarschaft des Holocaust-Mahnmals. Schön und gut, mag man denken, die Republik komplettiert ihre Gedenklandschaft. Aber was dort gebaut werden soll, gleicht eher einem Denkmal für schwul-lesbische Funktionäre und unsere herrliche Konsenskultur als einem würdigen Mahnmal.

Bereits der Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2003 vermengte Gedenken und gute Absicht. Das Denkmal sollte an die Verfolgten und Ermordeten erinnern und zugleich ein Zeichen setzen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben, als gäbe es keinen Unteschied zwischen Staatsterror und Diskriminierung im Alltag. Wie es sich gehört, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Die Ergebnisse waren recht enttäuschend: Viel Schwammigkeit und Konzeptkunstkitsch. Der kesseste der siebzehn Entwürfe stammte vom wunderbaren Lukas Duwenhögger, der jetzt auch auf der Dokumenta ausstellt. Er plante einen Wachturm mit einer sechs Meter hohen Teekanne, deren geschwungene Formen zum Symbol tuckiger Selbstbehauptung taugten. Die Jury aber entschied sich für den Entwurf von Michael Elmgreen und Ingar Dragset: Eine Stele aus glattem, anthrazit eingefärbtem Sichtbeton, größer und stärker geneigt als die Stelen in Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal. Durch eine Luke kann man ins Innere schauen und einen Kurzfilm sehen, der in Endlosschleife läuft: Zwei Männer, die sich küssen. Der abstrakte, keinen Schrecken ausdrückende, niemanden verstörende Entwurf wurde viel gelobt, bis Emma und Alice Schwarzer sich des Themas annahmen. Man habe die Frauen vergessen, die lesbischen Opfer! Eine Unterschriftensammlung sorgte für Aufregung und Debatten. Der Paragraph 175, den die Nazis nach dem "Röhm-Putsch" verschärften, galt allerdings nicht für Lesben. Überzeugende Belege für deren systematische Verfolgung im Dritten Reich sind bisher nicht vorgelegt worden. Gewiss, es gab lesbische Jüdinnen oder Kommunistinnen in den Konzentrationslagern, lesbische Clubs und Treffpunkte wurden gesclossen, Zeitschriften verboten. Lesben wurden diskriminiert, aber anders als Schwule nicht reichsweit verfolgt, kastriert, ermordet.

Was an historischer Genauigkeit fehlte, ersetzte Emma durch Lautstärke und Promi-Unterschriften. Anfang Juni nun einigte man sich auf einen Kompromiss. Zwei Jahre wird ein Männer-Kuss gezeigt, dann zwei Jahre ein Frauen-Kuss, dann dürfen wieder Männer knutschen. Man kann nur hoffen, dass kein jüngster Tag oder Stromausfall das ausgewogene Gedenken stört und dass an einen Ausgleich für Schaltjahre gedacht wird. Was soll der Unsinn? Aktivisten, die seit 1993 für das Denkmal streiten, sind ebenso unzufrieden wie Frauenrechtlerinnen. Warum aber soll dann der "faule Kompromiss" (Emma) überhaupt gebaut werden?

Zum "Homo-Mahnmal" wird kein Ort der Information gehören. umso wichtiger wäre es, so genau zu erinnern, wie möglich. Kaum einer kennt Namen und Gesichter dieser Opfer. Das geplante Mahnmal aber entindividualisiert vollends und würde alle Unterschiede verwischen: zwischen dem Holocaust und der brutalen, aber nie flächendeckenden Verfolgung der Schwulen, zwischen Alltagsdiskriminierung, Demütigung, dem Zwang sich zu verstecken, und der Ermordung. Das Thema ist brisant, auch deswegen, weil das Bundesverfassungsgericht 1957 den Paragraphen 175 in der Nazi-Fassung ausdrücklich gerechtfertigt hat. Er galt bis 1969. Schwule, die von der Gestapo drangsaliert worden waren, saßen wieder in Gefängnissen. Etwa 50.000 wurden rechtskräftig verurteilt.

Das Holocaust-Mahnmal wie das für Sinti und Roma wurde gründlich vorbereitet. Über den Streit, ob Lesben im Dritten Reich ebenso verfolgt worden sind wie Schwule, gab es nicht einmal eine Historiker-Anhörung. Warum wird der Streit nicht ausgetragen? Reicht für Homosexuelle eine drittklassige Lösung, ein Wischi-Waschi, das wie eine Verhöhnung der Opfer wirkt?

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 
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