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Wider die Legendenbildung rund um die Schwulenverfolgung der Nazis

Da wir www.schwule-geschichte.de nicht zum Ort der Debatte über ein Berliner Denkmal machen wollen, hätten wir gern eine Auseinandersetzung zu den drei wichtigsten Legenden rund um die Schwulenverfolgung der Nazis in einem eigenständigen Essay hier platziert. Leider ist ein entsprechender Essay noch nicht verfügbar. So müssen wir zunächst mit dem Auszug aus einem Redebeitrag von Andreas Pretzel vorlieb nehmen, den er am 11. Januar 2007 auf einer Diskussionsveranstaltung im Rathaus Charlottenburg gehalten hat.

 

Als Hindernis erweisen sich drei Legenden

Auszug aus einem Redebeitrag von Andreas Pretzel vom 11. Januar 2007

...
Als Hindernis erwiesen und erweisen sich drei Legenden:
1. die Legende vom schwulen Nazi,
2. die Legende vom Homocaust und
3. die Legende einer Lesbenverfolgung.

1. Der Mythos vom schwulen Nazi ist in der Post-NS-Zeit und jahrzehntelang weiterhin dazu benutzt worden, um Ausmaß und Intensität der Homosexuellenverfolgung zu verleugnen oder zu marginalisieren. Er ist benutzt worden, um die Erinnerung an die verfolgten homosexuellen Männer zu diskreditieren und zu verhindern. ...

2. Die früheren Einsprüche gegen diese homophobe Legende verwiesen auf das KZ-Schicksal von ca. 10.000 homosexuellen Männern und brachten zugleich deren Verfolgung in Analogie zur Judenverfolgung, um überhaupt Gehör zu finden.
Es hat in der Forschung Jahre gebraucht, um diese Legende vom Homocaust zurückzuweisen. Denn die Mehrheit der Verfolgten, mehr als 50.000 Männer, ist Opfer der NS-Justiz geworden. Die Reviere von Polizei und Gestapo, Gerichtssäle sowie Haftanstalten und Zwangsarbeitslager der Justiz waren die für Homosexuelle mehrheitlich durchlittenen Orte des Terrors. Von Gestapo und Kripo verdächtigt und verhört, diffamiert und bedroht, wurden schätzungsweise 200.000 Männer.
Diese Dimension staatlicher Verfolgung ist nicht gleichzusetzen mit dem Holocaust. Sie ist aber ebenso nicht gleichzusetzen mit den Erfahrungen, die Lesben während des Nationalsozialismus machten.

3. Auch die Legende einer Lesbenverfolgung gilt es zu überwinden. Claudia Schoppmann hat wiederholt darauf verwiesen, dass Erfahrungen von Lesben nicht mit dem Verfolgungsbegriff erfasst werden können. Nach meinem Dafürhalten sollte von Repression und Diskriminierung gesprochen werden, um die erfahrene individuelle Bedrohung angemessener zu beschreiben. Die historische Forschung ist hierzu weiter als es etwa der Artikel in der Januar-Ausgabe der EMMA suggeriert. Was Chantal Louis dort zur vermeintlichen Lesbenverfolgung zusammentrug, ist so abwegig und überholt wie die schwule Legende vom Homocaust. ...

Der vollständige Redetext ist auf dieser Site ebenfalls zugänglich (s.u.).

Zur Legende vom schwulen Nazi finden sich weiterführende Beiträge in der Literaturliste dieser Site. Zur Legende vom Homocaust sei auf einen Beitrag von James D. Steakley verwiesen:
James D. Steakley Selbstkritische Gedanken zur Mythologisierung der Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich im Tagungsband: Jellonek/Lautmann Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle – verdrängt und ungesühnt, Paderborn, 2002
 

Eine kleine Dokumentation

Nur beispielhaft möchten wir den Streit um die Legende einer Lesbenverfolgung mit einigen Zeugnissen aus der Debatte zum Berliner Denkmal dokumentieren:

Publikationen zum Denkmals-Streit:

"Mal wieder die Frauen vergessen" Kampagnenstart der Emma-Redaktion (externer Link)

Offener Brief von Silke Radosh-Hinder an die Emma-Redaktion – 30. Okt. 2006

Resolution des LSVD-Landesverbandes Berlin-Brandenburg – Oktober 2006

"Zeit der Maskierung" (Emma zur vermeintlichen Lesbenverfolgung – Januar 2007, externer Link)

Der vollständige Redebeitrag Andreas Pretzels vom 11. Januar 2007

Erklärung der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten vom 19. Mai 2007

Erklärung des Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung vom 4. Juni 2007 (externer Link)

"Zwei Jahre Männer – zwei Jahre Frauen" Frankfurter Allgemeine vom 5. Juni 2007

"Kein Gedenken im Tiergarten?" Eberhard Zastraus Faltblatt zu Hintergründen und Entwicklung des Konflikts (Juni 2007, PDF-Dokument)

"Quotierte Küsse" Die Süddeutsche Zeitung nennt Denkmal-Kompromiss einen Skandal – 23. Juni 2007

Kontroverse ums Küssen im Denkmal Eberhard Zastrau im Gedenkstätten-Rundbrief Nr. 138 – August 2007

Ecce homo Der Tagesspiegel berichtet ausführlich über die anstehende Übergabe des Denkmals – 24. Mai 2008 (externer Link)

Szenelokalverbot gleich Konzentratonslager? Die Frankfurter Allgemeine geht noch einmal auf den Streit ums Homosexuellen-Denkmal ein – 24. Juni 2008 (externer Link)


Als sinnvolle Ergänzung bietet sich vielleicht noch der Beitrag an, den Dr. Gudrun Hauer bereits im Jahr 2001 zur begleitenden Lektüre für die Ausstellung "Aus dem Leben" auf dem Heldenplatz in Wien veröffentlicht hat:

Lesben und Nationalsozialismus: "Blinde Flecken in der Faschismustheoriediskussion" (externer Link, PDF-Dokument)

 

Und weil das alles doch sehr an die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas erinnert, hier noch ein Einwurf Eberhard Zastraus aus jener Zeit:

"Man arrangiert sich eben ..." – oder besser doch nicht! Ein Leserbrief an den Tagesspiegel vom 18. April 1998

 
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